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Wenn ich alt sein werde – über Würde, Respekt und Menschlichkeit

Heute hat mich der Gedanke nicht losgelassen, selbst einmal wirklich alt zu sein – und wie es sich anfühlen könnte, in dieser Verletzlichkeit auf andere angewiesen zu sein.

Porträt von Irmgard Underrain im Freien. Sie blickt ruhig in die Kamera und thematisiert in einem persönlichen Beitrag die Würde des Alterns.
Irmgard Underrain blickt nachdenklich in die Zukunft und setzt sich mit Fragen von Würde, Respekt und Menschlichkeit im Alter auseinander.

Altern ist kein Verlust der Identität

Altwerden bedeutet nicht, weniger Mensch zu sein. Nicht weniger fühlen. Nicht weniger verstehen wollen. Wer alt ist, trägt ein ganzes Leben in sich – Erinnerungen, Vorlieben, Ängste, Hoffnungen. Und vor allem eine Identität, die Respekt verdient, bis zum letzten Tag.

Es geht um die Art, wie gesprochen wird. Darum, angesprochen zu werden und nicht übergangen. Darum, erklärt zu bekommen, was geschieht, bevor Hände bewegen, drehen oder pflegen. Sanft. Achtsam. Mit Worten, die einbeziehen statt überrollen.


Es geht um kleine Dinge, die Großes bedeuten: Die eigene Kleidung statt anonymer Krankenhauswäsche. Das vertraute Pflegeprodukt statt Einmalwaschlappen. Essen aus schönem Geschirr statt aus Plastikschalen. Ein Tuch statt eines Latzes. Ein Glas, das sich gut anfühlt. Es geht um Worte, die respektvoll sind und nicht entwürdigen. Um Begriffe, die achtsam gewählt sind und den Menschen nicht auf eine Funktion reduzieren. Sprache ist niemals nebensächlich – sie entscheidet darüber, ob Würde bewahrt oder verletzt wird.


Altsein braucht Zeit. Zeit, um Wege zu gehen. Zeit, um zur Toilette begleitet zu werden. Zeit, um Räume zu wechseln, ohne Angst, ohne Hast. Grundbedürfnisse sind keine Umstände – sie sind Ausdruck von Würde.


Auch wenn das Hören schlechter wird, die Schritte langsamer, das Verstehen mühsamer: Das Fühlen bleibt. Menschen im Alter lieben lachen, fürchten sich, haben Vorlieben und Abneigungen – genau wie alle anderen.


Wenn ich alt bin, werde ich vielleicht schlechter hören, langsamer gehen, weniger verstehen. Doch das Fühlen bleibt. Ich werde lieben. Ich werde Vorlieben haben, Abneigungen, Ängste. Genau wie heute.


Wenn ich wirklich alt bin, wünsche ich mir nur eines: Nehmt mir nicht das Rechtund die Würde, ich selbst zu sein.


Dieser Text ist zugleich ein Appell - an Gesellschaft, Einrichtungen und Politik.

Und er ist ein Dank an jene, die täglich unter hohem Druck versuchen, genau diese Würde zu bewahren: Ärzte, Pflegekräfte, Pflegehelferinnen und Krankenschwestern. Sie brauchen endlich jene Unterstützung, Anerkennung und Wertschätzung, die ihrer Verantwortung entspricht.


Denn Menschlichkeit beginnt dort, wo Würde bewahrt wird.

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