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Selbstdiagnosen bei jungen Menschen nehmen stark zu

Eine aktuelle Untersuchung aus Österreich zeigt eine deutliche Zunahme von Selbst- und Wunschdiagnosen – insbesondere bei ADHS, Autismus und der Selbstzuschreibung als neurodivergent. Social Media, Identitätsfragen und emotionale Belastungen spielen dabei eine zentrale Rolle.

Junge Frau liegt auf einem Sofa und recherchiert mit einem Laptop zu psychischen Erkrankungen im Internet.
Immer mehr junge Menschen setzen sich online intensiv mit psychischen Erkrankungen auseinander und entwickeln dabei eigene Diagnosevorstellungen.

Immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene kommen bereits mit einer festen Vorstellung über eine psychische Erkrankung in psychologische Praxen. Eine Untersuchung unter niedergelassenen Klinischen Psychologinnen und Psychologen in Österreich zeigt nun deutlich, dass dieses Phänomen spürbar zunimmt und neue Herausforderungen für Diagnostik, Beratung und Behandlung mit sich bringt.


Studie zeigt deutliche Zunahme von Selbst- und Wunschdiagnosen

Im Rahmen der Studie wurden 93 Klinische Psychologinnen und Psychologen befragt. Rund ein Viertel der Teilnehmenden gab an, dem Phänomen „viel öfter als früher“ zu begegnen, etwa die Hälfte berichtete, es trete „öfter als früher“ auf. Besonders häufig treten Selbstdiagnosen im Zusammenhang mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Autismus, Posttraumatischer Belastungsstörung und Depressionen auf.


Viele junge Menschen setzen sich zuvor intensiv über soziale Medien, Online-Foren oder Serien mit psychischen Erkrankungen auseinander. Daraus entsteht häufig eine sehr konkrete Diagnosevorstellung, mit der sie schließlich professionelle Hilfe aufsuchen. Eine bestätigte Diagnose wird dabei oft als Entlastung erlebt, weil persönliche Schwierigkeiten erklärbar erscheinen und weniger als eigenes Versagen wahrgenommen werden.


Identität, Anerkennung und emotionale Belastung

Fachpersonen berichten, dass besonders häufig weibliche Personen mit höherer Bildung und intensiver Nutzung von Online-Medien mit Selbst- oder Wunschdiagnosen vorstellig werden. Im Vordergrund stehen dabei weniger der Zugang zu Therapie oder Medikation, sondern vielmehr der Wunsch nach Bestätigung des eigenen Selbstbildes, nach sozialer Zugehörigkeit und nach Entlastung von Schuldgefühlen.


Wird die erwartete Diagnose jedoch nicht bestätigt, reagieren Betroffene teilweise mit starker emotionaler Belastung, Ablehnung der fachlichen Einschätzung oder dem Wechsel zu weiteren Stellen in der Hoffnung auf eine andere Beurteilung. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang auch von „Diagnose-Shopping“.


Neue Anforderungen an Ausbildung und Praxis

Die Studie zeigt, dass psychische Diagnosen zunehmend auch als soziale Identitäten wahrgenommen werden können. Expertinnen und Experten empfehlen daher, diagnostische Prozesse besonders transparent zu erklären und gleichzeitig anzuerkennen, welche persönliche Bedeutung eine gewünschte Diagnose für Betroffene haben kann.

Zugleich wird betont, dass diese Entwicklung verstärkt in Aus- und Weiterbildungen psychologischer Fachkräfte berücksichtigt werden sollte. Auch der Einfluss digitaler Mental-Health-Kulturen rückt damit stärker in den Fokus professioneller Arbeit.


Foto Crédit: Symbolfoto Link zur Studie: (International Journal of Clinical and Health Psychology)

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