Bildung mit Zukunft: An der HTL Zeltweg wird Bildung nicht mehr gebracht – sie muss abgeholt werden
Aktualisiert: vor 9 Minuten
Neue Räume, neue Wege zum Wissen: Die HTL Zeltweg präsentierte ein Schulkonzept, das selbstständiges Lernen fördert und österreichweit Aufmerksamkeit erhielt.

Murtal/Zeltweg. Wer an der HTL Zeltweg Wissen erwerben will, macht sich auf den Weg. Im neuen Departmentsystem wechseln die Schülerinnen und Schüler je nach Unterricht den Lernort. Statt eines eigenen Klassenzimmers für das gesamte Schuljahr stehen ihnen Fachräume, offene Lernzonen und gemeinsame Treffpunkte zur Verfügung. Beim Festakt zur Präsentation der umgebauten Schule wurde deutlich, wie grundlegend sich damit der Schulalltag verändert hat – und dass sich über Bildung auch mit einer guten Portion Humor sprechen lässt.
Direktor Arno Martetschläger brachte den Gedanken hinter dem Konzept auf den Punkt: „Das Wissen kommt nicht zu den Schülern, sondern die Schüler müssen sich das Wissen am passenden Ort abholen.“ Die passenden Räume dafür sind nun vorhanden. Rund 8.500 Quadratmeter wurden saniert und auf die Anforderungen eines zeitgemäßen Unterrichts abgestimmt.

Eine Homebase statt eines festen Klassenzimmers
Wie das Zusammenspiel der Räume funktioniert, erläuterten Iris Rampula-Farrag und Mathias Kahr vom Grazer Büro balloon architekten. Ausgangspunkt ist die „Homebase“ mit Spinden, Sitzmöglichkeiten, Tischfußball und Platz für Begegnungen. Hier darf es lebendig zugehen. Auch die große Cafeteria bietet Raum, um Pausen gemeinsam zu verbringen.
In Richtung der Gebäudeflügel wird es zunehmend ruhiger. In den Departments für Maschinenbau und Bautechnik ermöglichen offene Lernbereiche Gruppenarbeiten und die selbstständige Bearbeitung von Aufgaben. Die Unterrichtsräume am Ende der Gebäudeflügel werden entsprechend den fachlichen Anforderungen genutzt. So erhält jede Tätigkeit ihren passenden Platz – vom angeregten Austausch bis zum konzentrierten Lernen.

Die ersten Ideen entstanden bereits bei einem Workshop im Jahr 2018. Aus einem Beteiligungsprozess mit den Schulen, der Bildungsdirektion und dem Österreichischen Institut für Schul- und Sportstättenbau entwickelte sich die architektonische Lösung für das neue Departmentsystem.
Bibliothek mit Vorbild, Girl Lounge mit gutem Grund
Besonders beliebt sind bei den Jugendlichen die Cafeteria und die offene Bibliothek. Für Letztere hatte sich Martetschläger, wie er erzählte, beim Schulcampus in Zeltweg Anregungen geholt. Gute Ideen dürfen schließlich Schule machen – auch von einem Bildungsstandort zum anderen.

Mit Nachdruck setzte sich der Direktor außerdem für eine eigene Girl Lounge ein. Seine Begründung war ebenso alltagsnah wie unmissverständlich: Ein eigener Aufenthaltsbereich für Schülerinnen sei besser als die Toiletten als Treffpunkt. Damit erhielten die jungen Frauen einen bewusst vorgesehenen Raum für Austausch und Rückzug.
Bildungsdirektorin Elisabeth Meixner begrüßte diese Möglichkeit. Mit einem augenzwinkernden Hinweis auf die niedrige Geburtenrate merkte sie allerdings an, dass die Trennung auch nicht zu weit gehen solle. Ein Moment, der zeigte, dass bei aller Bedeutung des Projekts auch das Schmunzeln seinen Platz im Festprogramm hatte.

Wie sich die neue Schule im Alltag bewährt, schilderten HTL-Schulsprecher Jonas Kamper, BAfEP-Schulsprecherin Magdalena Sperdin und HTL-Schülerin Annika Gietl. Die passenden Unterrichtsräume zu finden, sei anfangs durchaus eine Herausforderung gewesen. Inzwischen hätten sich die neuen Wege eingespielt.
Ein Schulkonzept mit Strahlkraft über Zeltweg hinaus
Beeindruckt zeigte sich Wolfgang Kern, Abteilungsleiter im Bildungsministerium und unter anderem für die österreichischen HTLs zuständig. „Hier wurde ein mutiges Konzept umgesetzt, das ich ganz vielen Gruppen zeigen werde“, erklärte er.
Gerade mit Blick auf die neuen Lehrpläne komme den Räumen große Bedeutung zu. Projektarbeit und selbstständiges Lernen seien darin stark verankert. Während andernorts noch die räumlichen Voraussetzungen für diese Unterrichtsformen fehlten, könne Zeltweg sie bereits bieten. Kern würdigte den Standort deshalb als Leuchtturmprojekt für ganz Österreich.
Von der Neugestaltung profitieren insgesamt 550 Schülerinnen und Schüler sowie 65 Lehrerinnen und Lehrer. Neben den 450 Jugendlichen der HTL in 24 Klassen besuchen rund 100 Schülerinnen und Schüler in vier dislozierten Klassen der BAfEP Judenburg den Standort. Die dritten und vierten BAfEP-Klassen nutzen damit ebenfalls die neuen Lern- und Aufenthaltsbereiche.
19 Monate Bauzeit bei laufendem Schulbetrieb
Zwischen Baubeginn im Februar 2025 und Fertigstellung im August 2026 lagen rund 19 Monate. Dass die Arbeiten auch während der Unterrichtszeit durchgehend weitergeführt werden konnten, war dem großen Einsatz und der Zusammenarbeit der Schulen zu verdanken.
Die Sanierung umfasste den gesamten Theorieunterrichtsbereich mit offenen Lernzonen und Homebases, die Verwaltung und die Arbeitsbereiche der Lehrerinnen und Lehrer sowie Buffet, Ausspeisung und Bibliothek. Die aus Bundesmitteln finanzierten Bruttoerrichtungskosten betrugen neun Millionen Euro. Weitere 900.000 Euro entfielen auf die Einrichtung.
Als Bauherrin fungierte die Bildungsdirektion für Steiermark, Präs/2a. Die Planung übernahm balloon architekten ZT-OG. Die örtliche Bauaufsicht führten Architekt DI Kamper und Bauhofleiter Ing. Gerhard Gruber gemeinsam durch. Gruber war während der Bauphase täglich maßgeblich auf der Baustelle präsent und verantwortete die laufende Koordination der Arbeiten sowie die Abstimmung der beteiligten Gewerke mit. Auch während der letzten Schulferien war sein Einsatz vor Ort gefragt. Die Fachbauaufsicht für Elektro lag beim IB Stengg, jene für Haustechnik bei der Lokalen Energieagentur GmbH.
Vom ersten Schüler zum Bürgermeister
Eine besondere Verbindung zur Schule brachte Bürgermeister Günter Reichhold mit. Er gehörte 1985 zu den ersten Schülern der neu eröffneten HTL. Nun erlebte er die nächste große Veränderung seines früheren Schulstandorts mit. Nach dem neuen Schulcampus sei die umgebaute HTL ein weiterer Meilenstein auf dem Weg, Zeltweg zur „bildungsinnovativsten Stadt der Region“ zu machen.

Auch der erste Direktor und Lehrkräfte der Gründungszeit waren beim Festakt anwesend. Gemeinsam mit zahlreichen Gästen aus Politik und Bildungswesen sowie Direktorinnen und Direktoren anderer Schulen aus der Region schlugen sie die Brücke von den Anfängen zur heutigen Weiterentwicklung. Bildungslandesrat Stefan Hermann dankte allen Beteiligten für ihren Einsatz.

Die HTL Zeltweg hat damit neue Räume und neue Wege zum Lernen geschaffen. Wer Bildung abholen soll, braucht schließlich mehr als einen Stundenplan: Orte, die neugierig machen, Begegnungen ermöglichen und eigenständiges Arbeiten fördern.

Foto: murtalinfo / Irmgard Underrain





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